portfolio_03.gif (1622 Byte)
Portfolio
Publikationen
Links
Kontakt

  
Vernetztes Lernen:
Hypertexte, Homepages
& was man im Sprachunterricht damit anfangen kann

von Andreas Borrmann und Rainer Gerdzen

Eine Rezension von Karl Waidelich
in: GAPP Magazin, Ausgabe 1/99, S. 14


Vom Nutzen des Internet
Tipps für Pioniere auf dem Information Highway

Das Angebot kam aus heiterem Himmel und direkt aus dem Computer: eine Studentin der Yale University in Massachusetts fragte bei einem Stuttgarter Gymnasium an, ob sie sich für einige Monate als Fremdsprachenassistentin nützlich machen könne. Sie sei gerade in Deutschland, arbeite an einer Seminararbeit über junge Menschen in Europa und würde gerne auch das Innenleben einer deutschen Schule kennenlernen. Gefragt, warum sie gerade bei dieser Schule nachfrage, kam eine verblüffend einfache Antwort: es sei die einzige am Ort, die auf ihrer Homepage ausführliche Informationen auf englisch anbiete.

Womit zwei Dinge bewiesen sind: Schulische Homepages im Internet werden gelesen und sind kein spielerischer Selbstzweck, und mehrsprachige Fassungen können für eine Schule höchst nützlich sein. Wenn also der Klett-Verlag mit seiner jüngsten Publikation in der Reihe "Computer Praxis Fremdsprachen" Vernetztes Lernen. Hypertexte, Homepages & ... (von Andreas Borrmann und Rainer Gerdzen, Herausgeber Reinhard Donath) genau dieses Thema aufgreift, so ist er damit (wie schon bei den in der gleichen Reihe erschienenen Heften e-mail und Englischunterricht und Internet im Englischunterricht desselben Herausgebers) auf der Höhe der Zeit und bietet den Schulen, die schon "im Netz" sind oder dorthin noch wollen, genau die Hilfestellungen, die sie zum jetzigen Zeitpunkt dringend benötigen.

Was vor allem die Computer-Laien unter den Lesern beruhigt und ermutigt, ist die Geduld, mit der die Autoren in die Terminologie und das technische Grundwissen der neuen Informationstechnologien einführen, gezielt bezogen auf die Anwendungen, die für den schulischen Betrieb relevant sind. Und auch bei den Projektbeschreibungen, mit denen sie den Nutzen des Multi-Media-Einsatzes für den Schulbetrieb konkretisieren, verlieren die Pioniere auf dem Information Highway nie die praktische Machbarkeit aus den Augen.

Zum Beispiel Schüler-Homepages im Internet. Was bislang bei Briefpartnerschaften auf dem Postweg und im Fremdsprachen-Anfangsunterricht per Aushang im Klassenzimmer geschah, gewinnt jetzt eine neue Dimension: Schüler verfassen kurze Texte über sich selbst – und stellen sie ins Internet. Dort bleiben sie nicht isoliert, sondern können zum Beispiel mit der Beschreibung der besten Freundin oder des besten Freundes vernetzt werden. Wer möchte, kann auf seiner persönlichen Homepage auch gleich ein Fenster installieren, mit dessen Hilfe der jeweilige Leser per Mausklick direkt eine e-mail an die beschriebene Person absenden kann. Es ist offensichtlich, wie hilfreich solch ein Verfahren beim "matching" im Schüleraustausch sein kann, und da auf diese Weise jeder Teilnehmer seine persönliche e-mail-Adresse hat, kann er sich auch noch in Windeseile mit seinem Partner oder seiner Partnerin verständigen.

Ausführlich wird die Gestaltung einer Homepage für die Schule dargestellt, und selbstverständlich sollten die Themen "Schulpartnerschaften" und "Internationale Schulprojekte" darin eine zentrale Rolle spielen – aber bitte in der gebotenen Kürze, denn viel Zeit zur Lektüre bringt der Internet-Leser in der Regel nicht mit, und Seiten umblättern ("Scrollen") mag er schon gar nicht. Bei dieser Arbeit wird den Schülerinnen und Schülern eindrücklich klar, worin der zentrale Unterschied in der Produktion und Rezeption elektronischer Botschaften gegenüber dem gewohnten Brief oder Buch besteht: an die Stelle der traditionellen linear-sequentiellen Codierung eines Textes treten vielfältig untereinander vernetzte Dokumente, die der Rezipient nach eigenem Gusto abrufen und kombinieren kann: lesen wird interaktiv.

Wenn eine Schule ihre Homepage multilingual gestaltet, bietet es sich natürlich an, die Muttersprachler an den Partnerschulen um eine idiomatische Korrektur des Textes zu bitten. Und ganz besonders benutzerfreundlich ist es, per Hyperlink die eigene Homepage mit denen der Partnerschulen zu verknüpfen.

Weniger für den Schüleraustausch, wohl aber für einen zukunftsorientierten Fremdsprachenunterricht hilfreich sind einige der literarischen Projekte, die von den Autoren beschrieben werden. Dazu zählen die Recherche im Internet oder die mediengerechte Aufarbeitung der Aspekte eines literarischen Werkes in vernetzbare Module, wie sie der Computer nun einmal verlangt. Aus dieser Aufsplittung ergibt sich die Notwendigkeit der Teamarbeit, der sorgfältigen Zeitplanung und natürlich der sinnvollen Vorab-Strukturierung des geplanten Netzes. Der Ratschlag, alle Texte erst schriftlich zu fixieren, ehe sie in den Computer eingegeben werden, soll Schüler-Staus vor den oft nur in geringer Zahl vorhandenen Computern vermeiden helfen. Schließlich überzeugt auch der Gedanke, allen Homepage-Seiten der Schule ein identisches Seiten-Layout zu geben, um in dem tendenziellen Chaos des Internet wenigstens eine optische Kohärenz der eigenen Seiten zu gewährleisten.